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Beispiel Lichtenstein

Die Welt wird es Liechtenstein einst danken.
Mit einem Anlagegrenzwert  von 0,6 V/m würde Liechtenstein in jeder Hinsicht profitieren. Gerd Oberfeld, Umweltmediziner beim Amt der Salzburger Landesregierung, ist überzeugt, dass der heutige Grenzwert zum Schutz der Gesundheit nicht ausreichend ist.  
 
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Dr.med Gerd Oberfeld geb.1960,Medizinstudium an der Uni Wien mit ius practicandi in Salzburg. Umweltmediziner beim Amt der Salzburger Landesregierung und Referent für Umweltmedizin der österreichischen Ärztekammer. Experte der WHO zur  Charta Verkehr, Umwelt und Gesundheit. Allgemein beeideter und  gerichtlich zertifizierter Sachverständiger Umweltmedizin.

                                   Interview: Desirée Vogt, 7.11.09

Herr Dr. Oberfeld, eine Frage, die Ihnen sicher nicht zum ersten Mal gestellt  wird: Macht uns der Mobilfunk denn nun krank oder ist er unbedenklich?

Gerd Oberfeld: Mobilfunk funktioniert mit Funkwellen, die unter bestimmten Bedingungen Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden beeinträchtigen und das Risiko für gesundheitliche Störungen erhöhen können.

Sie sagen, dass sich auf allen naturwissenschaftlichen Nachweisebenen Schädigungen der Erbsubstanz bzw. ein erhöhtes Risiko für gewisse Tumore zeigen. Trotzdem ist in Diskussionen immer wieder die Rede davon, dass die Schädlichkeit von Mobilfunk wissenschaftlich nicht erwiesen ist. Was  stimmt denn nun und wann ist eine Sache wirklich erwiesen?

Der Begriff «erwiesen» ist zum einen nicht definiert und zum anderen bei Entscheidungen, die die Gesundheit und Gesundheitsvorsorge betreffen,  eher fehlleitend als hilfreich. Besser ist es, den Grad des Wissens über die Wirkungen eines Schadstoffs oder einer Strahlung darzulegen und zu vergleichen, wie in ähnlichen Fällen das Risiko vermindert wird. Nun wissen wir etwa, dass die Strahlung von Mobiltelefonen bei bestimmten Zellen zu einer Zunahme von Schäden an den Chromosomen führt. Weiter zeigt sich, dass das Risiko für bösartige Hirntumore, vor allem, wenn vor  dem 20.Lebensjahr mit dem Mobiltelefonieren begonnen wurde, deutlich ansteigt. Da die Nutzergruppe immer jünger wird, ist davon auszugehen,  dass wir in den nächsten Jahrzehnten mit einer hohen Zahl von zumeist unheilbaren Hirntumorerkrankungen, speziell bei den jüngeren Erwachsenen, konfrontiert sein werden. Für einen derartigen Anstieg gibt es ganz aktuell erste Hinweise, die diese Einschätzung bestätigen. Die einzig zielführende Massnahme ist hier eine Reduktion der Bestrahlungsintensität und der Bestrahlungsdauer, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Ich sehe hier Parallelen zum Rauchverbot bei Jugendlichen, das übrigens in Deutschland und mehreren Bundesstaaten der USA bei 18 Jahren liegt. Das Vereinigte Königreich überlegt sogar eine Erhöhung auf 21 Jahre. Bei den Mobilfunksendern bzw. «Handymasten» handelt es sich um Dauersender, die rund um die Uhr arbeiten und dabei Funkwellen abstrahlen. Die bisher dazu vorliegenden Untersuchungen bei lange exponierten Anwohnern zeigen, dass das Risiko etwa für Störungen des Wohlbefindens wie etwa Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und Stresssymptome zum Teil bei Belastungen unter 0,6 V/m noch beobachtet wurden. Daher war die 2008 getroffene Entscheidung  des Landtages, den Grenzwert für Mobilfunksender auf zumindest 0,6 V/m festzulegen, ein erster wichtiger Schritt.

Ich habe von einer Studie aus Dänemark gehört, wo 400 000 Menschen heraus - gesucht wurden, die regelmässig und über Jahre hinweg mobil telefoniert haben. Gleichzeitig wurden ebenso viele untersucht, die nicht mit dem Handy telefoniert haben. In der «Handy-Gruppe» sind keine gehäuften Fälle von Krebserkrankungen aufgetreten. Wie erklären Sie sich das?

Diese Studie wurde wissenschaftlich intensiv diskutiert, mit dem Ergebnis, dass die Frage des Hirntumorrisikos mit dieser Untersuchung aus methodischen Gründen nicht beantwortet werden kann.  

Immer häufiger treten Krankheitsbilder oder gar Todesfälle auf, bei denen scheinbar keine definitiven Ursachen gefunden werden können. Wir wissen, dass verschiedene Umwelteinflüsse auf den Menschen wirken. Wie hoch würden Sie die Einwirkung von Schnurlos-Telefonen, Handys und Mobilfunk-Sendern neben all den anderen Umwelteinflüssen auf den Menschen einstufen? Oder anders gefragt: Welchen der vielen Umwelteinflüsse stufen Sie als den für die Gesundheit am schädlichsten ein?

Wie Sie anführen, sind wir im unterschiedlichen Ausmass einer Vielzahl von Umwelteinflüssen ausgesetzt. Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Beurteilung der verschiedenen Umweltfaktoren haben elektromagnetische Felder bzw. «Elektrosmog»  eine ähnlich starke Bedeutung wie Luftschadstoffe, Lärm oder Radioaktivität und nehmen aufgrund immer neuer Anwendungen weiter zu.

Obwohl dies auch von verschiedenen Seiten bestritten wird, so wird zumindest öffentlich kundgetan, dass Liechtenstein und die Schweiz mit 6 V/m bereits einen zehnmal tieferen Grenzwert  als die umliegenden Länder haben. Ist  dieser Anlagegrenzwert im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit auch noch zu hoch? Mit welchem Grenzwert kann man Ihres Erachtens bedenkenlos telefonieren?

Ein Anlagengrenzwert von 6 V/m für  Mobilfunk – genau betrachtet sind es  abhängig von der Frequenz in der  Schweiz 4 V/m bis 6 V/m – ist für den  Schutz der Gesundheit jedenfalls nicht ausreichend. Ziel sollte es sein,  die Belastung gegenüber hochfrequenten Dauersendern, dies betrifft  übrigens auch DECT-Schnurlostelefone und WLAN-Sender, so gering wie  möglich zu halten. Die in Liechtenstein gesetzlich vorgesehenen 0,6 V/m  sind wie bereits gesagt ein erster wichtiger Schritt. Ziel wären Werte im Bereich von 0,06 V/m im Freien und 0,02  V/m im Innenraum. Mit welchem  Grenzwert bedenkenlos telefoniert  werden kann? Sofern damit die Belastung durch die Sender gemeint ist, ist  die Antwort oben stehend. Wenn damit die Belastung des Mobiltelefonnutzers gemeint ist, ist die Antwort:  Am besten ein Schnurtelefon nutzen.

Was sagen Sie zu der oft gehörten Aussage, dass Rundfunk- und Fernsehsender oder digitales Fernsehen gefährlicher sind als Mobilfunk?

Messungen an den verschiedenen Orten in Österreich zeigen, dass Rundfunk- und Fernsehsender – unabhängig, ob analog oder digital – zu einer  flächigen Hochfrequenzbelastung beitragen, die in der Regel unter 0,6 V/m liegt: Meist im Bereich 0,06 bis  0,2 V/m. Es ist wichtig, dass auch diese Sender durch Grenzwerte geregelt  werden. 

Ebenfalls oft gehört ist die Annahme, dass nicht der Elektrosmog selbst, sondern vielmehr die Angst davor krank macht. Glauben Sie, dass man tatsächlich körperlich erkranken kann, wenn  man daran glaubt, dass etwas gefährlich  ist?

Es ist grundsätzlich möglich, dass  Angst zu Störungen des Wohlbefindens führt. Der Schluss, dass nicht der  Elektrosmog, sondern viel mehr die  Angst davor krank macht, ist schlichtweg falsch.

Das Liechtensteiner Parlament hat eine Grenzwertsenkung von 6 auf 0,6 V/m  bis zum Jahr 2013 beschlossen. Im Dezember haben die Liechtensteiner Stimmbürger darüber zu befinden, ob sie das wollen, oder nicht. Die Entscheidung des Volkes wird weitgehend davon abhängen, ob die Grenzwertsenkung grosse Nachteile für sie als Handynutzer mit sich bringt bzw. ob die Mobilfunkversorgung weiterhin gewährleistet ist. Sehen Sie eine einfache Möglichkeit, die Grenzwertsenkung mit der heutigen Standorttechnologie zu realisieren? Welches Modell würde sich Ihres Erachtens eignen?

Es sollte nicht primär darum gehen, in  jedem Keller Liechtensteins mit voller Bandbreite über Mobilfunk «immobil!» surfen zu können. Das Telefonieren ist technisch nicht das Problem, sondern die Dauerstrahlenbelastung der Bevölkerung in Richtung gesundheitsverträglicher Werte zu entwickeln. Je mehr Menschen Mobilfunk zum Internetsurfen verwenden,  umso mehr Leistung strahlt etwa der  UMTS-Handymast ab, und umso  mehr schrumpft seine nutzbare Reichweite. Die Lösung lautet daher beim Internetsurfen: Kabel statt  Funk. Und die ist über eine schnelle ADSL-Leitung schon derzeit gegeben. Das Kostenargument greift zu kurz, da die Erkrankten und die Gesellschaft eine x-fache Rechnung bezahlen. Die von der Liechtensteiner Regierung beauftragten drei Studien,  davon die letzten beiden auch für mobiles Internet, zeigen, dass eine Mobilfunknutzung bei einem Anlagengrenzwert von 0,6 V/m möglich ist. Welches der Konzepte für die Gesundheit der Liechtensteiner das Beste ist, könnte durch eine vergleichende Untersuchung ermittelt werden. Sehr wichtig erscheint mir die Aufklärung der Bevölkerung, das Internet  nicht über Funktechniken (GSM,  UMTS, WLAN, WIMAX etc.) zu nutzen, sondern zum eigenen Schutz und  zum Schutz der Mitmenschen einen Kabelanschluss zu verwenden.

Wir wissen, dass technisch vieles möglich ist, doch die Frage ist, ob sich der Aufwand im Verhältnis zum Ertrag lohnt. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile für Liechtenstein, sollte ein neues Modell tatsächlich bis 2013 umgesetzt  werden?

Die Vorteile für Liechtenstein liegen auf der Hand: Erstens ergibt sich eine Reduktion des Gesundheitsrisikos durch Mobilfunksender. Zweitens eine Reduktion des Gesundheitsrisikos durch das mobile Internet selbst (UMTS-Modem, WLAN), weil bedingt durch die öffentliche Diskussion mehr Kabel verwendet werden und hoffentlich auch DECT-Telefone abgeschafft werden. Und drittens steigt das Image Liechtensteins weltweit als innovatives, gesundheitsorientiertes Land.

Viele Liechtensteiner fühlen sich in Sachen Mobilfunk hin- und hergerissen,  weil selbst Experten sich uneins sind. Was empfehlen Sie uns? Woran können wir uns orientieren?

Meine Empfehlung ist, durch ein Votum für die Beibehaltung der 0,6 V/m, die Weichen für einen gesundheitsverträglicheren Mobilfunk zu stellen. Die  Welt wird es Liechtenstein einst danken! 


Anmerkung: Nachdem sich das Schweizerische Bundesamt für Kommunikation amtsmissbräuchlich in die Volksabstimmung in Liechtenstein eingemischt hat, finden wir es im Sinne gleich langer Spiesse für völlig gerechtfertigt, auch einen Vertreter der Landessanitätsdirektion Salzburg zu Wort kommen zu lassen. BAKOM-Einmischung siehe unter http://www.gigaherz.ch/1538

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Veröffentlicht
18:18:08 07.11.2009
Quelle
http://gigaherz.ch/pages/home.php